Glockenrebe - Porträt einer rasanten Kletterpflanze

Dieser Beitrag wurde unter Blog abgelegt und mit Anzucht, Blumen, Sommer verschlagwortet am 29. Oktober 2018 von Anja. ← vorheriger Beitrag nächster Beitrag →

Beim Besuch der Königlichen Gartenakademie in Berlin habe ich durch Zufall im letzten Sommer die Glockenrebe entdeckt. Das zuerst unscheinbare Ding hat mich schnell fasziniert. Ich will Euch diese Pflanze heute vorstellen. Vielleicht bereichert sie im nächsten Sommer ja auch Euren Garten.

Die Glockenrebe heißt auch Glocken- oder Krallenwinde (Cobaea scandens). Sie gehört zur Familie der Polemoniaceae, die auf Deutsch den poetischen Namen Himmelsleitergewächse trägt. Und so flink wie die Glockenrebe an Fassaden und Mauern emporrankt, scheint es, als könntest Du an ihren filigranen Ranken bis in den Himmel hinein klettern.

In ihrer Heimat in Mexiko und Peru wächst die Glockenrebe als ausdauernde Pflanze. Hierzulande eignet sich die kälteempfindliche Kletterkünstlerin nur für die einjährige Kultur. Das macht aber nichts. Die Glockenrebe bildet während des Sommers bis zu sechs Meter lange Triebe und erklimmt alles, was ihr vor die filigranen Blattranken kommt. Innerhalb kürzester Zeit erreicht die Pflanze enorme Ausmaße. Stoppte der Frost sie nicht, Dein Haus verwandelte sich in ein Dornröschenschloss.

 

Pflanzenbeschreibung

Nur wenige Kletterpflanzen wachsen schneller als die Glockenrebe. Innerhalb kürzester Zeit hangelt sie sich an Rankhilfen und Rosenbögen empor. Ihre Fiederblätter bilden ein dichtes Blattwerk, das Balkon oder Terrasse vor neugierigen Blicken schützt. Im Herbst wandelt das tiefgrüne Laub seine Farbe und wird rot.

Ab Juli entfaltet die Glockenrebe ihre prachtvollen, glocken- bis röhrenförmigen Blüten, aus denen dekorativ Stempel und Staubblätter ragen. Sie sitzen in grünen Blütenkelchen. Weil die Blütenform mit etwas Fantasie an eine Tasse mit Untertasse erinnert, heißt die Glockenrebe auf Englisch „cup-and-saucer vine“.

 

geschlossene weisse knospe der glockenrebe

 

Faszinierender Farbwechsel

Mit Beginn der Blütezeit entdeckst Du täglich neue Knospen, bis der erste Frost der Blütenpracht ein Ende setzt. Die Pflanze, die ich im letzten Jahr gekauft hatte, blühte ausschließlich weiß - offenbar war das die Sorte 'Alba. Als ich mich in diesem Jahr um Saatgut bemühte, fand ich lediglich Tütchen, die weiße und violette Blüten zeigten. Ehrlich gesagt war ich ein bisschen enttäuscht, aber nun - ich wollte die Pflanze unbedingt haben. Was sich dann aber zeigte, hatte ich nicht erwartet:

Die jungen Blüten sind zunächst grünlich-weiß und färben sich allmählich leuchtend violett. Das dauert so ca. eine Woche und ist wunderschön zu beobachten. Diese beiden Bilder zeigen ein und dieselbe Blüte. Irre, oder?

 

blasslila bluete der glockenrebe

...und eine Woche später...

dunkellila bluete der glockenrebe

 

Weil die Blüten an bis zu zwanzig Zentimeter langen, stabilen Stielen hängen, geben sie vorzügliche Schnittblumen ab. In der Vase behalten sie einige Tage lang ihre Schönheit. Ehrlich? Ich habe es noch nicht über's Herz gebracht, eine abzuschneiden.

Und die Blüten der Glockenrebe sehen nicht nur fabelhaft aus: Ihr honigartiger Duft lockt in ihrer subtropischen Heimat Fledermäuse an, die den Blütennektar schlürfen und dabei die Glockenrebe bestäuben. Unsere heimischen Fledermäuse kümmert das wenig, die ernähren sich nämlich von Spinnen und Insekten. Doch das ist noch lange kein Grund, auf einen Fledermauskasten zu verzichten. Schließlich finden Nachtfalter und andere Insekten den Duft der Glockenrebe mindestens genauso lecker – und die wiederum landen im Fledermausmagen.

 

Gleich den Samen sichern

Aus den exotischen Blüten entwickeln sich im Herbst auffällige Kapselfrüchte. Die sind anfangs grün, später braun und enthalten jede Menge geflügelter Samen. Glockenrebensamen sind platt, rund und etwa so groß wie ein Eincentstück.

Willst Du im nächsten Jahr wieder die Blütenpracht der Glockenreben bestaunen? Dann ernte die Früchte kurz vor dem ersten Frost und lass sie im Haus nachreifen. Die getrockneten Samen bewahrst Du bis zur nächsten Aussaat an einem kühlen und dunklen Ort auf.

 

filigrane ranken der glockenrebe

 

Glockenreben aussäen und pflanzen

Falls Du keine fertigen Pflanzen kaufen magst, ziehst Du Cobaea scandens ab Anfang März auf der Fensterbank vor. Lass die Samen über Nacht in warmem Wasser quellen, dann keimen sie besser. Fülle kleine Töpfe oder Schalen mit nährstoffarmer Anzuchterde und stecke die Samen – mit der flachen Seite voran – einen bis zwei Zentimeter tief hinein. Andrücken, Gießen, fertig.

Decke das Pflanzgefäß mit Frischhaltefolie ab oder stelle es in ein Zimmergewächshaus, damit das Substrat nicht austrocknet. Halte es feucht und achte gleichzeitig darauf, dass keine Staunässe entsteht. An einem warmen Ort mit Temperaturen um die zwanzig Grad keimen die jungen Glockenreben nach zwei bis vier Wochen. Vereinzele die Sämlinge rechtzeitig, damit sie sich nicht ineinander verheddern. Schon die kleinen Pflanzen brauchen eine Stütze in Form eines Bambusstäbchen. Um ihre Verzweigung zu fördern, entspitzt Du den Haupttrieb der Jungpflanzen.

Sind Mitte Mai die Eisheiligen vorbei und keine Spätfröste mehr zu erwarten, pflanzt Du Deine Glockenrebe ins Beet, und zwar mit mindestens sechzig Zentimetern Abstand zueinander. Gewöhne die Jungpflanzen ans Freiland, bevor sie endgültig hinaus dürfen. Sonst bekommen sie unschöne Blattflecken von der Sonne.

 

Standort und Bodenbedingungen

Glockenreben lieben die Sonne, kommen aber auch im lichten Halbschatten zurecht. Reserviere ihnen in Deinem Garten ein windgeschütztes und luftiges Plätzchen. An dunklen Orten bleibt die Blütenpracht aus. Glockenreben sind keine Zimmerpflanzen und gehen ein, wenn sie nicht im Freien wachsen dürfen.

Wichtig ist ein nährstoffreicher, humoser und durchlässiger Boden. Arbeite vor dem Pflanzen Hornspäne oder einen anderen Langzeitdünger in den Boden ein. Ist Dein Gartenboden schwer oder nass, machst Du ihn mit Sand und Kompost durchlässiger.

Pflanzt Du Glockenreben in Containern (Mindestvolumen zehn Liter), wählst Du eine stabile Blumenerde, die Du mit Kompost und Langzeitdünger mischst. Getopfte Glockenreben wachsen weniger wild als ihre Kolleginnen im Beet. Auch wenn wir ihr üppiges Wachstum lieben, in begrenztem Raum ist weniger hier mehr.

 

So pflegst Du die Glockenrebe

Einmal gepflanzt sind Glockenreben pflegeleicht, aber durstig. Über ihr dichtes Laub verdunsten sie viel Wasser. Gieße sie so oft wie nötig. Pass auf, dass keine Staunässe entsteht. Außerdem benötigt die Glockenrebe Nährstoffe (von irgendwo muss all die Pracht ja kommen). Von Mai bis Juni verabreichst Du alle drei bis vier Wochen einen flüssigen Blühpflanzendünger. Hast Du die Kletterpflanze frisch in einen Kübel gesetzt, fängst Du erst später damit an. Schließlich enthält das Substrat bereits Nährstoffe. Ab Juli düngst Du nicht mehr. Überdüngte Glockenreben blühen nicht. Im schlimmsten Fall verursacht der Überschuss an Nährstoffen Nekrosen der Blätter.

 

glockenrebe knospen vor wildem wein

 

Und natürlich stellst Du Deiner Glockenrebe etwas zum Hochranken zur Verfügung. Das kann ein Spalier sein, ein an der Hauswand gespannter Draht oder eine Pergola. Bei mir wächst sie im Wilden Wein und lockert so zusätzlich auf. Dir fällt bestimmt etwas ein. Pflanze die Kletterpflanze unmittelbar neben die Wand oder Stütze. Du brauchst ihre filigranen Triebe nicht anzubinden. Es genügt, wenn Du ihnen gelegentlich die Richtung weist. Die Ranken wickeln sich wie ein Korkenzieher um alles, was ihnen in die Quere kommt. Stutze allzu vorwitzige Triebe von Zeit zu Zeit, damit Dir die Glockenrebe nicht über den Kopf wächst.

 

Krankheiten und Schädlinge

Die Glockenrebe ist eine sehr robuste Pflanze und bei guter Pflege unproblematisch. Auf der Fensterbank vorgezogene Jungpflanzen kriegen leicht Sonnenbrand. Gewöhne sie ausgiebig an das Leben im Garten, bevor Du sie endgültig hinaus pflanzt. Dort droht ihnen vor allem von Nacktschnecken Gefahr. Schütze die einzelnen Pflanzen mit einer Barriere aus Splitt oder einem Schneckenzaun. Auch Bierfallen helfen gegen Schnecken, die stellst Du etwas weiter weg von gefährdeten Pflanzen auf. Gelegentlich befallen Blattläuse die Glockenrebe und im Winterlager können Spinnmilben auftreten.

Glockenrebe überwintern

Im Freien stirbt die Glockenrebe mit dem ersten Frost ab. Kein Wunder, handelt es sich doch um eine Pflanze der Tropen und Subtropen. Mit ausreichend Platz und Fingerspitzengefühl gelingt es Dir, getopfte Exemplare zu überwintern. Sobald die Temperaturen unter zehn Grad fallen, holst Du die Glockenrebe ins Haus. Schneide sie beherzt zurück und stelle sie an einen hellen, kühlen Ort. Die optimale Temperatur liegt zwischen zwölf und fünfzehn Grad. Gieß die Glockenrebe sparsam und kontrolliere sie auf Spinnmilbenbefall. Bei sehr trockener Luft feuchtest Du ihre Blätter gelegentlich an. Im Frühling gewöhnst Du die Glockenrebe behutsam an mehr Wasser, Licht und höhere Temperaturen. Und wenn die Eisheiligen vorbei sind, darf sie endlich wieder raus.

Möchtest Du eine besonders prächtige Glockenrebe bewahren, hast aber kein geeignetes Winterquartier? Dann vermehre sie vegetativ mit Stecklingen. Die neuen Pflanzen sind Klone und haben die gleichen Eigenschaften, wie die Mutterpflanze. Dazu schneidest Du im August kräftige Triebe mit einigen Blättern ab, steckst sie in Töpfe mit Anzuchterde und stellst sie den Winter über auf die Fensterbank. Vergiss nur den Bambusstab als Rankhilfe nicht. Auf der Suche nach Halt scheut die Glockenrebe selbst vor Deiner Gardine nicht zurück.

 

Die Glockenrebe ist eine beeindruckende Kletterpflanze, findest Du nicht auch? Ob sie nun Deine Terrasse beschattet oder die Hausfassade erklimmt, diese Blume erfreut Dich den ganzen Sommer lang. Versprochen.

Anja Engel

Anja leitet nicht nur den Grünbedarf E-Commerce, sondern lässt Dich in ihrem Blog teilhaben an ihrer großen Begeisterung für alles, was grünt – egal ob auf der Terrasse, dem Balkon oder im Garten. Freu Dich auf Tipps, Anregungen und Themen rund um die Pflanzenwelt.

Mehr vonAnja

Hinterlasse einen Kommentar

  Lade...
Lade...